Margot Gehrmann verstorben

(Selfiefoto v. li.: Michael Schulze, Margot Gehrmann und Jörg Meyer im September 2018 auf dem Gut Karlshöhe)

Am 9. Juli 2020 verstarb Margot Gehrmann im Alter von 84 Jahren. Die Hohenhorsterin war vielen Menschen im Quartier wohlbekannt und hat sich in vielen Bereichen vor Ort engagiert. Im Frühjahr 2019 baten wir Frau Gehrmann, einen Text über ihre Anfangszeit in Hohenhorst für das entstehende Hohenhorst-Archiv zu schreiben. Diesen möchten wir hier anstelle eines Nachrufs veröffentlichen.

Jörg Meyer und Michael Schulze

Hohenhorst – ganz persönlich.

Als wir im März 1968 nach Hohenhorst zogen, hatten wir nicht nur schon fünf Jahre seit Kauf der Genossenschaftsanteile auf die Wohnung in der Friedrichshainstraße gewartet, die Genossenschaft verlangte von uns eine Heiratsurkunde, die wir nicht hatten. Eine Bescheinigung über ein Aufgebot hätte aber auch genügt, verriet uns der Mitarbeiter. Also ab zum Standesamt in Altona. Dort war unser zuständiges Amt.  Wir beide wohnten getrennt und möbliert, und Damen- und Herrenbesuch war nur bis 22.00 Uhr erlaubt. Wir zogen aber nicht nach Hohenhorst, sondern nach Rahlstedt, denn Hohenhorst war ein neuer Stadtteil, der neu auf grüner Wiese erbaut und wenig bis gar nicht bekannt war.

Das mit dem unbekannten Stadtteil hielt sich noch viele Jahre, weil es ein bisschen anrüchig war, dort zu wohnen. Warum weiß ich bis heute nicht und ich habe manchmal geglaubt, aber nur ein klein wenig, dass es wohl am Bürgermeister Nevermann lag, der das Richtfest vom Hochhaus Berliner Platz mit seiner Anwesenheit krönte. Er hatte bundesweit Bekanntheit erlangt, weil er in Sündelebte, seine angetraute Gattin Stress machte, als die junge, attraktive englische Queen und der sehr gut aussehende Prinz Philipp die Hansestadt besuchten und sie sich weigerte, neben ihrem sündigen Gatten im offenen Auto Platz zu nehmen. Aber das habe ich nur gedacht, weil es damals doch so war.

Ich selbst hatte auch etwas Anrüchiges an mir, denn ich lebte dort allein, war sichtbar schwanger und mein Mann lag sterbenskrank im St. Georg Krankenhaus, aber das wusste niemand.

Die Damen aus der Nachbarschaft erzählten mir einiges aus den Anfängen von Hohenhorst, ich aber erzählte nichts. So erfuhr ich, dass die Busanbindung nach Wandsbek, zum Hauptbahnhof oder wo man sonst so gern hingefahren wäre, doch recht schlecht war und der nächste Bus vor Café Hartmann abfuhr, was mit kleinen Kindern recht beschwerlich war.

Wo Café Hartmann war, ist heute ein großer Supermarkt, also auch ziemlich Action.

Und die Hauseingänge konnte man nur durch sportliche Leistungen erreichen, denn Gehwegplatten waren nicht gelegt und Bauschutthaufen versperrten die Türen.

Als dann meine Tochter ihr Kommen ankündigte, fuhr ich mit der Taxe ins Krankenhaus, mein Mann lag in einem anderen.

Zurück kam ich ohne dicken Bauch, aber auch ohne Kind im Auto meines Schwiegervaters. Schwierigkeiten während der Geburt hielten sie in einem zweiten Krankenhaus.

Bald konnte ich sie nach Hause holen. Mein Mann wollte sie auch kennenlernen, mit Kind und Kinderwagen ging ich zur inzwischen eingerichteten Haltestelle Potsdamer Straße, musste aber zu Fuß zum St. Georg, denn der Busfahrer wollte uns nicht mitnehmen. Haltebuchten für Rollstühle und Kinderwagen im Bus waren noch nicht installiert.

 Was es aber gab, war ein großes Spielwarengeschäft im Hochhaus am Berliner Platz. Meine Tochter, in Windeseile herangewachsen, inzwischen Halbwaise, hatte stets Bedarf an teurem Spielzeug. Das Geschäft schloss für mein Gefühl, und natürlich für meine Finanzen viel zu spät.

Und dann sollte es in die Schule gehen, ein Test stand an in der zuständigen Schule Kielkoppelstraße. Für meinen Geschmack mehr als unpassend. Nicht der Test, sondern der Schulstandort waren das Problem. Christina besuchte den Kindergarten Steglitzer Straße und den Schulweg musste sie allein bewältigen, ich war berufstätig. Also musste ich kämpfen.

Ich redete und redete, immer wieder Schule Potsdamer Straße, bot einen Bittbrief an Landesschulrat Neckel an – nichts half. Das erlösende Vitamin B, das auch heute noch hilft, kam ins Gespräch.

Was sehe ich da – sie sind in Arys geboren?“ Seine Augen strahlten. „Da war ich als junger Soldat stationiert. Schöne Mädchen, ein gemütliches Lokal, auf den Namen komme ich nicht.“

„Gehrmann, mein Opa, wenn Sie die Stadthalle meinen“, sagte ich hoffnungsfroh. Er meinte genau das. „Und die junge Dame ist dann natürlich seine Urenkelin, der ich jetzt helfen muss?“ Ganz plötzlich ging es ohne Landesschulrat Neckel und letztendlich wurde sie dann in der Schule Charlottenburger Straße eingeschult an einem sehr schönen Sommertag.

Von dort musste sie auch eine Straße überqueren, jedoch mit Ampel.

Alles ging gut. Heute wohnt meine Tochter mit ihrem Sohn in der Friedrichshainstraße. Ich selbst lebe seit einem Schlaganfall in einem Pflegeheim in Jenfeld, mit Busverbindung zum Haus am See in Hohenhorst.

Margot Gehrmann

Juli 9, 2020

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